Freitag, 2. Mai 2014

Der gute Ton....

Der gestrige Flohmarkt war wegen des Regens schnell beendet. Schade für die Leute, die ihr Zeug schon frühst aufgebaut hatten. Ein paar Kleinigkeiten habe ich gekauft, mit manchem mehr als zufrieden.
Und überhaupt, mehr als zufrieden. Den Rest des Tages eher geruhsam, und über die Lektüre des erstandenen Benimmbuches Anno 1971 an einigen Stellen recht amüsiert verbracht.

 " Paare, gleichviel ob verheiratete, oder nur zufällig zusammengetroffene, bilden eine Einheit im Straßenbild. Sie gehen also im Gleichschritt, verhalten sich so harmonisch und unauffällig wie möglich..."

ach so !! 



 " Der Herr geht immer links von der Dame, es sei denn rechts befinden sich Gefahren oder Schaufenster"



" Herren geben den Damen Feuer. Sie bedienen sich auch gegenseitig mit Feuer. Damen bedienen einander in der Regel nicht mit Feuer, wenn sie nicht durch einen erheblichen Altersunterschied getrennt sind. Die sehr junge Dame gibt natürlich der älteren Feuer " 
 Das wäre dann mal klar.
..... warum einfach, wenns auch schwierig geht ?

 Abgesehen davon, daß Rauchen total aus der Mode gekommen ist ( was ich sehr begrüße) ... ich habe mal von einer älteren Dame kein Feuer, sondern eine Ohrfeige auf offener Straße bekommen, weil ich rauchte. Damals.

oder über das Autofahren : "die ständige oder häufige Begleiterin des Fahrers, meist ist es die Frau oder Verlobte, behält auch dann ihren angestammten Platz
vorn rechts neben ihm, wenn Mitfahrer aufgenommen werden. Dies ganz einfach um der Fahrsicherheit willen.
An das Verhalten seiner Frau, auch in kritischen Situationen, ist der Fahrer gewöhnt ."

Wenigstens muss Mutti nich auf die billigen Plätze, wenn ein anderer Onkel mitfährt.  Is ja schon mal was.
Allein aussteigen können Frauen auch nicht. Und ich hoffe, sie waren an das Verhalten ihrer Männer gewöhnt.


 Aber nicht nur gelacht habe ich ... schnell kommt die Erinnerung an meine  70er Jahre, das Wach- und Erwachsenwerden.

Haben wir auch so ausgesehen ? War ich jemals eine Dame ? Wollte ich eine sein ? Hat sich irgendwann einmal ein Herr Gedanken darüber gemacht, ob er rechts oder links von mir gehen soll, damit ich in ein Schaufenster sehen kann, oder keinen Straßendreck abkriege ,
und wenn nein, hat mich das gestört und den Herrn verschmähen lassen ?  
Bin ich verhungert, weil ich nicht wusste, wo das Fischmesser zu liegen hat ? War ich gesellschaftlich unmöglich, weil mein Begleiter den falschen Schlips umgebunden hat , oder gar keinen, oder im Kleid gekommen ist  ?

 Da mal ein bisschen nachgekramt , finde ich Fotos, die mich zum Beginn der 70er noch im Kostüm zeigen. Mit modernem Haarschnitt,  (Stufenschnitt mit Scheitel)  --- nun ja, das legt wohl die Vermutung nahe, daß ich damenhaft wirken wollte. Wollte !

Nach kurzer Zeit weist das Bild in eine andere Richtung. Der gute Ton, das ist für mich schnell etwas Anderes.


Eingezwängt in Rollenerwartung und Konvention, bin ich nicht allein mit meinen Versuchen, etwas zu verändern.


1973 beginne ich eine verhasste Ausbildung als Arzthelferin. Meine Zwischenprüfung, ein Jahr später bemerkt kein Mensch, ich habe auch noch Stress mit dem Freund, und deshalb gehe ich das erste Mal allein ins Kino. Zur Ablenkung.
 Es ist ein verregneter Sonntagvormittag im Mai. Der Film heisst :
                                    " Harold and Maude ". 

Ich erwarte nichts !!!

Als ich aus dem Kino komme, hat es aufgehört zu regnen, die Sonne scheint, und ich fahre singend auf meinem klapprigen Fahrrad durch Hannovers Straßen nach Hause. 

 Der gute Ton , das hörte sich für mich auch so an..... 



Das ist ziemlich genau 40 unglaubliche Jahre her. Ich bin froh, daß viele Benimmregeln inzwischen Schnee von gestern sind. Ich habe nichts gegen Höflichkeit.

 Aber der "gute" Ton, das ist für mich Herzlichkeit, gesunder Menschenverstand, und gern unkonventionelles Verhalten unter Achtung der persönlichen Freiheit und der Würde jedes Menschen.

Jedenfalls empfinde ich das so.

.... ein verregneter Sonntag im Mai !!!

Kommentare:

  1. Das Buch hatten wir zuhause auch. Ich erinnere mich noch gut dran. Mein Vater war von der alten Schule - benahm sich wirklich vorbildlich kniggegerecht. Wir Kinder, die wir ähnlich ausgebrochen sind wie Du es anklingen lässt, müssen eine Enttäuschung für ihn gewesen sein. Harold and Maude habe ich mal gesehen verbinde aber aus irgendwelchen Gründen keine gute Erinnerung damit.
    LG Christiane

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Durchaus nachvollziehen kann ich, daß nicht alle den Film durchgängig toll finden. Es gibt ein paar zweifelhafte Szenen, und das Ende ist auch Geschmackssache. Zusammen mit dem Soundtrack war der Film für mich aber an jenen Tag im Mai genau richtig und ein absolutes Highlight. Und ausgesprochen unkonventionell.

      Lg Gitta

      Löschen
  2. Hallo Gitta,
    bin gerade zufällig bei Dir gelandet und mir gefällt es hier super, werde mich gleich als Deine neue Leserin eintragen.
    Ach, das Buch ist super, ich liebe solche alten Bücher und freu mich immer riesig wenn andere davon berichten. Morgen ist bei uns hier auch ein Flohmarkt und sollte es nicht wieder wie aus Eimern schütten werde ich da auch hingehen. Vielleicht ergattere ich auch so ein tolles Buch.
    Ganz LG
    Manu

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Gitta,
    den guten Ton und den echten Kavalier vermisse ich ein bisschen...
    Selbstverständlich habe ich mich lange gegen die guten Manieren, die uns usere Mutter beibringen wollte, gesträubt, um 20 Jahre später festzustellen, dass ich mich doch am Tisch in Paris, Solingen und Marcinowice, ohne aufzufallen :), benehmen kann.
    Vielen Dank für diese Reise in die Vergangenheit, hat mich sehr nachdenklich gemacht!
    Herzlichst,
    Kasia
    PS: Eine Tomate blüht!!!

    AntwortenLöschen
  4. So ein herrlich erfrischendes Posting!

    Liebe Grüße - Monika mit Bente

    AntwortenLöschen